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Quelle: WAZ 04.09.2019 Ute Schwarzwald

BOCHUM Talente gibt's im Revier reichlich. Man muss sie nur entdecken.

Ein Bochumer Berufskolleg und der Initiativkreis Ruhr wissen, wie es geht.
"Alice Salomon, hieß es früher, nimmt jeden. Und das war nicht nett gemeint", sagt Johannes Kohtz-Cavlak, Leiter des Alice-Salomon-Berufskollegs in Bochum. Er machte aus dem Vorwurf einen Slogan, sein Programm. Heute ist die berufsbildende Schule für Ernährung, Erziehung und Gesundheit eine der ersten 35 Talentschulen des Landes NRW. Und Gastgeber für die Talentmetropole Ruhr, die hier am Mittwoch das Programm der diesjährigen "Talenttage Ruhr" vorstellte.
Mit köstlichen Smoothies werden die Gäste in der quirligen, übervollen Pausenhalle der Schule empfangen. Gemixt von den Auszubildenden des Berufskollegs, auch für ihre Mitschüler. An verschiedenen Tischen ist Infomaterial ausgelegt, und Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Bildungsbeauftragte des Initiativkreises Ruhr, wird sich später freuen, dass die Talenttage-Programm-Broschüren genauso schnell vergriffen sind wie die Smoothies. Iman Chazhmuradova weiß warum. Sie hat jedem ihrer Mitschüler einen Besuch der Talenttage "dringend" empfohlen. Sie selbst hat im vergange
nen Jahr das Angebot des Uniklinikums Essens wahrgenommen und sich auf dessen Kardiologie "Die vielen Gesichter der Pflege" angeschaut. "Ein tolles Erlebnis", erinnert sich die 19-Jährige, die vor zwölf Jahren aus Tschetschenien nach Deutschland kam. "Vor allem, weil nicht nur die Großen redeten. Die Auszubildenden haben unsere Fragen beantwortet, von ihrem Alltag erzählt." Nun will sie selbst Krankenschwester werden ("und vielleicht danach Lehrerin im Gesundheitswesen!"). Nach dem Abi im nächsten Jahr (Anmerkung der Redaktion: Auch auf einem Berufskolleg kann das Abitur erworben werden! Wir bieten drei verschiedene Bildungsgänge zum Abitur an!) wird sie sich bewerben: an der Essener Uniklinik.

240 Veranstaltungen in 33 Revierstädten: Zum sechsten Mal Talenttage Ruhr
 
Es sind dutzende solcher Geschichten, hunderte vielleicht, die die Talenttage erzählen können - ein bundesweit einzigartiges Erfolgsprojekt. 33 Revierstädte sind bei der sechsten Auflage vom 18. bis 28. September mit 240 Veranstaltungen beteiligt, 30.000 Besucher werden erwartet. Beim Start im Jahr 2014 waren es sechs Städte und 20 Veranstaltungen, erklärt Christian Icking, Sprecher des Initiativkreises Ruhr, dessen "Talentmetropole Ruhr" Träger der "Bildungsreihe" ist. Elf Tage lang können junge Talente auf "Entdeckungsreise" gehen, ihre Interessen und Fähigkeiten entdecken. Banken, Bäcker, Büchereien und Baumärkte laden ein, Handwerkskammern und Einzelhandel, Industrie und Wissenschaft, aber auch ein Mehrgenerationenhaus und die Alte Synagoge in Essen, der Duisburger Hafen, die Folkwang Musikschule und das Finanzamt Hamm. ThyssenKrupp Steel stellt - wie immer - "Ausbildungsberufe von A-Z" vor, und Rewe den des Fleischers. Es gibt Workshops zu Selbstmotivation, Ehrenamt, Weltfrieden und der Frage "Wie finanziere ich Ausbildung oder Studium", eine "Einführung in die politische Kommunikation" und ein "Bewegtes Fußballquiz für Kids".
 
In der Küche die Auszubildenden der Berufsschule;
Die angehenden Köche bereiten das Mittagsmahl für die Gäste vor:
Fisch mit Gemüse in Backpapier.
Foto: Ulrich Hufnagel / FUNKE Foto Services

Viele Unternehmen, sagt Bärbel Bergerhoff-Wodopia, beteiligten sich längst "nicht ganz uneigennützig". "Sie haben erkannt, dass es in Zeiten des Fachkräftemangels sehr sinnvoll ist, schon Schüler anzusprechen." Und während sie in "Alices Restaurant" von diesem "wunderbaren Projekt" schwärmt, schnibbeln Schüler des Alice-Salomon-Berufskollegs in der "Küchen" nebenan Gemüse fürs Mittagessen. Mediterranen Fisch "en papillote, gedünstet in Backpapier, werden angehende Restaurantfachkräfte den Gästen servieren. Formvollendet. Doch noch enthäuten Ibrahima Diallu (22) und Mamadou Barry (20) Forellenfilets - mit beeindruckender Geschwindigkeit und Raffinesse. "Ein scharfes Messer ist der ganze Trick", verraten die beiden angehenden Köche bescheiden. Und man merkt ihnen an, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind.
 
Für Talentschulen gibt es mehr Lehrer, mehr Geld, mehr Computer - hoffentlich
 
"Talente gibt es genug. Schwierig ist nur sie zu entdecken, sagt Schulleiter Kohtz-Cavlak. Er freut sich darum umso mehr, dass sein Engagement mit dem Titel "Talentschule" gewürdigt wird. Das Land fördert insgesamt 35 Schulen in sozialen Brennpunkten - um soziale Herkunft und Bildungserfolg zu entkoppeln, wie Schulministerin Yvonne Gebauer bei der Vorstellung des Programms erklärte.
Die 2500 Schüler des Bochumer Berufskollegs kommen aus 60 verschiedenen Nationen; 750 von ihnen besuchen die ausbildungsvorbereitenden Klassen oder die der Berufsvorschule. Sie streben den Hauptschulabschluss an, viele kamen von Förderschulen, galten als schwierig, erzählt der Schulleiter. Dass man nun Talentschule sei, bedeute zunächst: mehr Lehrer, mehr Geld, mehr Internet. Hoffentlich. Vier neue Kollegen hat Kohtz-Cavlak bereits eingestellt, auf zwei, drei weitere hofft er. Teamcoaching führte er neu ein und die Klassen machte er kleiner. 2500 Euro gibt's nun jährlich extra für die Fortbildung, und bei der lange versprochenen Digitalisierung habe die Stadt Alice-Salomon nun oberste Priorität eingeräumt, so Kohtz-Cavlak. "Endlich. Noch gibt's hier nicht einmal WLan."

"ja, wir sind bunt. Und wir genießen es !”
 
Am meisten freut ihn jedoch, dass sich die Auszeichnung schon jetzt im Kollegium "spiegelt". "Wir arbeiten hier mit soviel Herzblut, der Titel setzt ein Siegel drauf. Das macht alle stolz", erklärt er. Dass mancher den Stempel womöglich als Stigma "Achtung, schwierige Schule" versteht, glaubt er nicht. Und wenn ihm doch mal jemand komisch kommt, ihn auf den Migrantenanteil von 80 Prozent und die vielen "schwierigen" Schüler anspricht, entgegnet er gern: "Ja, wir sind bunt. Und wir genießen es!"
Iman Chazhmuradova, die Schülerin der 12. Klasse, die bald Krankenschwester sein wird, empfiehlt deshalb nicht nur die Talenttage. Sondern auch ihre Talentschule. "Hier wird man nicht allein gelassen. Hier findet sich für alles und alle eine Lösung".

Info zum Programm und: www.talenttageruhr.de
 
 
Johannes Kohtz-Cavlak leitet das Alice Salomon Berufskolleg in Bochum seit 2015.
Er ist Pädagoge, Gesundheitswissenschaftler - und Talentsucher.
Jetzt erhielt seine Schule als eine von nur dreien in Bochum das Prädikat "Talentschule",
Foto: Ulrich Hufnagel / FUNKE Foto Services

>>INFO: Talentmetropole Ruhr
Als Tochter des Initiativkreises Ruhr hat es sich die gemeinnützige Stiftung zum Ziel gesetzt, jungen Menschen zu helfen, ihre Begabungen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft bestmöglich zu entwickeln.
 
Einmal im Jahr vergibt die Talentmetropole Ruhr auch den "Talent Award " , eine Auszeichnung für hervorragende Talentförderer. Bislang war die Preisvergabe Abschluss-Höhepunkt der Talenttage. In diesem Jahr findet sie am 7. November statt.

Das Alice-Salomon-Berufskolleg erhält NRW-Talentscouting-Plakette
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Als eine der ersten Schulen arbeitet das Alice-Salomon-Berufskolleg (ASBK) seit 2016 erfolgreich mit dem NRW-Talentscouting zusammen. Theodoros Markakidis, Talentscout der Ruhr-Universität Bochum übergab zusammen mit Julia Baumann, Koordinatorin Talentscouting der Ruhr-Universität, dem Schulleiter Johannes Kohtz-Cavlak die Plakette, die die erfolgreiche Zusammenarbeit dokumentiert. „In den Schulen sind wir vor allem auf die Mithilfe der Lehrer und Lehrerinnen angewiesen, die das Potential in ihren Schülerinnen und Schülern erkennen und sie für das Talentscouting vorschlagen“, erklärt Theodoros Markakidis. Ohne diesen Anstoß von außen würden sich viele talentierte Jugendliche den sozialen Aufstieg oftmals nicht zutrauen. Am Alice-Salomon Berufskolleg habe das Engagement für das Förderprojekt, sprich für die Förderung der Schüler schon eine lange Tradition. Beispielhaft für die erfolgreiche Zusammenarbeit sind zwei Talente einer Klasse im Bereich Gesundheit und Pflege, die von einer Lehrerin für das Schülerstipendium RuhrTalente empfohlen und durch ihren Talentscout im Bewerbungsprozess begleitet wurden. Dr. Barbara van Geldern, Bereichsleitung am ASBK, lobt diese enge Begleitung, die die Schüler durch Talentscouts wie Theodoros Markakidis erfahren. „Es ist toll mitzuerleben, mit wie viel Energie und Ausdauer unsere Schüler von den Talentscouts unterstützt werden.“ Die Weiterentwicklung der Schülerinnen und Schüler sei auch der eigentliche Motor der Kooperation zwischen dem NRW-Talentscouting und dem Alice-Salomon-Berufskolleg: Zu sehen, wie Schülerinnen und Schüler über sich hinauswachsen, sei eine Bereicherung für alle Beteiligten.
 

Von links nach rechts; Bereichsleitung am ASBK Dr. Barbara van Geldern und Judith Kreuz, Schulleiter Johannes Kohtz-Cavlak,, Iman und Zalina, Schülerinnen des ASBK, die für das Schülerstipendium RuhrTalente vorgeschlagen wurden, Theodoros Markakidis (NRW-Talentscout), Julia Baumann (Koordinatorin Talentscouting der Ruhr-Universität)


NRW-Talentscouting
In Deutschland entscheiden oftmals nicht die vorhandenen Talente der Jugendlichen über den Bildungsweg, sondern die familiären Hintergründe. Hier setzt das NRW-Talentscouting an. Ein zentrales Ziel des Programms ist es, jungen Menschen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen - unabhängig vom Einkommen, Bildungsstand oder Nachnamen der Eltern.
Talentierte Jugendliche ohne akademischen Hintergrund werden ermutigt, sich ein Studium oder eine Berufsausbildung zuzutrauen und dabei unterstützt, diesen Weg erfolgreich zu bestehen.
Mehr als 70 zertifizierte Talentscouts begleiten an 350 Gesamtschulen, Berufskollegs und Gymnasien über 15.000 Schülerinnen und Schüler ergebnisoffen und über das Schulende hinaus auf ihrem Weg von der Schule über eine Berufsausbildung oder ein Studium bis in den Job.

Fünfundzwanzig Studierende des Alice-Salomon-Berufskollegs nahmen im Rahmen der Ausbildung zur/zum staatlich anerkannten ErzieherIn an der Zusatzqualifikation „Religionspädagogik für Erzieherinnen und Erzieher in der Ausbildung“ teil.
Die Veranstaltung, welche vom ASBK in Kooperation mit dem Katholischen Forum Bochum bereits im 15. Jahr durchgeführt wurde, ist die einzige religionspädagogische Zertifikatsfortbildung für in der Ausbildung befindliche ErzieherInnen im Ruhrgebiet.
Im Rahmen dieses Zertifikates soll den Studierenden die Möglichkeit geben werden, sich bereits im Rahmen ihrer Ausbildung auf die berufliche Wirklichkeit vieler ErzieherInnen, religionspädagogisch zu arbeiten, vorzubereiten. Ziel der Zusatzqualifikation ist es, angehenden ErzieherInnen zu helfen, Kindern den Zugang zu Gott zu bereiten. Diese Vermittlung erfordert für den/die Erzieher/in eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Glauben sowie entsprechende theologische und religionspädagogische Kenntnisse. Beides erhalten die Erzieher/innen im Rahmen des Religionsunterrichts während ihrer Ausbildung nur ansatzweise. Deswegen will die Zusatzqualifikation zusätzliche fachliche und praktische Kenntnisse vermitteln und vertiefen. Sie umfasst 60 Unterrichtseinheiten die von September 2018 bis Mai 2019 an sieben Studientagen absolviert wurden.
Als Abschluss und Höhepunkt der Fortbildung und als Anwendung des Gelernten wurde ein von den Studierenden eigenverantwortlich geplanter Wortgottesdienst unter Leitung des Stadtdechanten Michael Kemper gefeiert. Im Anschluss an diesen Gottesdienst überreichten die Fortbildungsleiter Peter Luthe, Matthias Menke und Maurice Andree zusammen mit der stellvertretenden Direktorin des ASBK Regina Schlotmann-Ebert die Zertifikate an die stolzen Teilnehmer.


 
Die Absolventinnen und Absolventen des religionspädagogischen Zertifikatskurses mit den Fortbildungsleitern Peter Luthe, Matthias Menke und Maurice Andree